Wird aus "Gute Nacht, Schepenese" bald "Good Bye"? Schweizer Museen müssen sich der Frage zum Umgang mit menschlichen Überresten in ihren Sammlungen stellen

Wer hat schon nicht auf einer Schulerreise ihre Bekanntschaft gemacht: Die Mumie "Schepenese" ist seit den 1820er Jahren in der St. Galler Stiftsbibliothek und bis heute öffentlich ausgestellt. Dort wird sie vom Personal jeden Abend mit einem "Gute Nacht, Schepenese" abgedeckt. Könnte es stattdessen bald "Good Bye" heissen?

 In der Regel gibt es keinen Rechtsanspruch auf Rückführung

Milo Rau hat anlässlich der Verleihung des Kulturpreises der Stadt St. Gallen mit theatralem Pomp die Restitution der Mumie nach Ägypten gefordert. Rechtlich dürfte es dafür keine Grundlage geben. Für indigene Gruppen fordert eine UNO-Erklärung zwar einen Anspruch auf Repatriierung menschlicher Überreste. Einen Rechtsanspruch gibt es in der Regel nicht. Ägyptische Mumien wie Schepenese oder die im Antikenmuseum Basel ausgestellten Mumien dürften ohnehin nicht in diese Kategorie fallen.

Ethisch gibt es einiges zu diskutieren

Ethisch gibt es zur Frage über den Umgang mit menschlichen Überresten in Schweizer Museen aber sehr wohl einiges zu diskutieren. Dabei gilt es einen Ausgleich zwischen dem Kultur- und Bildungsauftrag der Museen und dem Respekt und der Würde gegenüber den betroffenen Menschen und den kulturellen, religiösen und spirituellen Bedeutungen des Todes in ihren Herkunftsgesellschaften zu finden. Dies gilt unabhängig davon, ob 25 oder 2500 Jahre seit dem Tod der ausgestellten Menschen vergangen sind.

Geschärftes Wissen um historischen Kontext verändert Debatte

In den vergangenen Jahren hat sich die gesellschaftliche Sensibilität für die Problematik im Umgang mit menschlichen Überresten in Museen bedeutend entwickelt. Die ICOM Richtlinien für Museen verpflichten auch die Schweizer Museen bei der Ausstellung von menschlichen Überresten den Glaubensgrundsätzen der Gruppen, denen das Objekt entstammt, Rechnung zu tragen. Dass die Ausstellung eines mumifizierten Körpers gerade auch im geschärften Wissen um deren Entwendung aus einer einstmals heiligen Grabstätte und den kolonialen Kontext dieser Vorgänge nun kritisch hinterfragt wird, ist deshalb folgerichtig.

Einfache Antworten gibt es nicht

Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Dafür ist die Ausgangslage zu vielschichtig. Die Fortführung der öffentlichen Debatte über den Umgang mit menschlichen Überresten in Schweizer Museen ist aber auf jeden Fall angezeigt.

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