5 Thesen zur Provenienzforschung an Schweizer Museen
Das Thema Provenienzforschung hat in letzter Zeit wiederholt hitzige Debatten entfacht.
Aktuell zeigen gleich drei grosse Schweizer Museen sehenswerte Ausstellungen zum Thema Provenienzforschung (Kunstmuseum Basel, Kunstmuseum Bern, Museum Rietberg).
Provenienzforschung wird unser Verständnis von Kultur und das Selbstverständnis der Museen weitreichend verändern.
Aus den bisherigen Erfahrungen zeichnet sich ab, dass Provenienzforschung nicht nur zu erweitertem Wissen über Kulturgegenstände führt, sondern auch das institutionelle Selbstverständnis der Museen weitreichend verändern wird. Öffentliche Museen müssen sich dieser Aufgabe stellen.
Aus meiner Forschung nehme ich 5 Thesen zur Provenienzforschung mit:
1) Provenienzforschung an Schweizer Museen hat kulturpolitisch hohe Priorität.
Der Kultur- und Bildungsauftrags verpflichtet die Museen, die Herkunft ihrer Sammlungen mit einem zeitgemässen Ansatz aufzuarbeiten, entsprechend dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu dokumentieren und der Öffentlichkeit transparent zu vermitteln.
Gefordert sind klare Strategien und konkrete Forschungsprojekte verbunden mit vermittelnden Programmen.
Betroffen sind nicht nur Kulturgüter mit Bezug zum zweiten Weltkrieg oder weiteren Kriegen, sondern auch Fragen mit Bezug zu Imperialismus, Kolonialismus, und archäologischen Grabungen.
2) In der Provenienzforschung gibt es keine einfachen Antworten.
Manchmal ist die Geschichte eines Kulturguts klar. Viel öfters jedoch sind die historischen Umstände umstritten und Informationen fehlen.
"Lücken" und Ambivalenzen aufzuzeigen ist ebenfalls Aufgabe der Provenienzforschung.
Auch die rechtlichen und ethischen Fragen im Bereich der Provenienzforschung sind komplex; eindeutige Antworten zur Herkunft fehlen in vielen Fällen. Diese Unklarheiten aufzuzeigen ist ebenfalls Aufgabe der Provenienzforschung.
3) Provenienzforschung muss mit einem partizipativen Ansatz erfolgen.
Provenienzforschung muss mit einem partizipativen Ansatz im Dialog mit Betroffenen und der Öffentlichkeit erfolgen. Wer dabei an den Tisch gehört, ist im Einzelfall sorgfältig ausfindig zu machen.
Provenienzforschung muss im Dialog mit Betroffenen und der Öffentlichkeit erfolgen
Dabei können Museen auf bewährte Instrumente wie inklusive Forschungsformate, Konferenzen, Runde Tische und mediative Verfahren zurückgreifen (#mediation)
4) Provenienzforschung erfordert Transparenz
In einer Demokratie ist Öffentlichkeit die zentrale Voraussetzung für die Meinungsbildung und politische Entscheidungsfindung. Staatliche Museen sollen der Öffentlichkeit transparent aufzeigen, wie sie mit der eigenen Sammlungsgeschichte und deren Aufarbeitung umgehen.
Auch die Digitalisierung ist zentral.
Staatliche Museen sind aufgefordert, die Resultate aus der Provenienzforschung proaktiv offenzulegen, im Idealfall auch in digitalen Datenbanken (#digitalisierung)
5) Für einen fairen Umgang mit Restitutionsbegehren braucht es klare Verfahren
In der Schweiz gibt es (noch) keine zentrale Institution, die sich mit der Restitution von Kunst- und Kulturgütern befasst. Kantone und Gemeinde kennen unterschiedliche Vorgaben. Die juristische Ausgangslage ist unübersichtlich und selbst für Expertinnen und Experten keineswegs selbstverständlich.
Auch die jüngst vom Parlament geforderte unabhängige Kommission zum Umgang mit Kunst- und Kulturgütern ist zu begrüssen.
Faire Lösungen dürften meistens nur auf dem Verhandlungsweg zu erreichen sein. Die staatlichen Institutionen sind vor diesem Hintergrund aufgefordert, klare Verfahren für den Umgang mit Restitutionsbegehren zu definieren.